Reisebericht Namibia - Karas Region Projekt- 2014

„Wir werden eine Gesellschaft errichten, in der alle.....,Schwarze und Weiße, aufrecht gehen können, ohne Angst in ihren Herzen, in der Gewissheit ihres unveräußerlichen Rechtes der Menschenwürde, eine „Regenbogennation“ im Frieden mit sich selbst und mit der ganzen Welt“ (Nelson Mandela, 1994).

Getragen von diesem Geist zog unsere Gruppe vom 07.06.2014 bis 22.06.2014 in den Süden Namibias um im Auftrag von „Zahnärzte ohne Grenzen“ Hilfe zu leisten.

Im Team waren:
Dr. Hans Schlepple
Tina Gauss
Lilith Haas
Dr.Stefan Rohr (Teamleader, PME)

Die Karas Region ist die südlichste Provinz Namibias. Sie ist knapp halb so groß wie Deutschland, hat 92000 Einwohner und nur einen staatlichen Zahnarzt. Sein Name ist Dr. Arthur Chigova. Er praktiziert in Krankenhaus von Keetmanshoop, der Provinzhauptstadt. Dr.Chigova hat das „Smiling Schools Program“ ins Leben gerufen. Für dieses Programm fährt er die Schulen der Provinz ab, zeigt den Schülern wie man Zähne putzt, erklärt den Einfluss der Ernährung auf die Zahngesundheit und er untersucht die Kinder. Bis Juni 2013 hat er 3671 Kinder untersucht und bei 1147 einen therapiebedürftigen Befund festgestellt.

Hier beginnt das Problem: Die Schulen sind bis zu 490 km von der Zahnstation in Keetmanshoop entfernt, es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel, die es den Kindern ermöglichen, nach Keetmanshoop zu kommen. Dr. Chigova verfügt über keine mobilen zahnärztlichen Einheiten, um Defekte im Outreach zu sanieren. Nur unkomplizierte Extraktionen sind für ihn moöglich.

An diesem Punkt kommen „Zahnärzte ohne Grenzen“ ins Spiel. Unser Equipment ermöglicht im Outreach Füllungen zu legen, zerstörte Zähne zu extrahieren, egal wie tief frakturiert oder verlagert sie sind, einfache endodontische Behandlungen und Zahnreinigungen anzubieten.

Ein Projekt von Afrikanern und Europäern gemeinsam, in einem Regenbogenteam, im Sinne von Erzbischof Desmond Tutu, in gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe, soll zum Erfolg führen. Eine faszinierende Aufgabe.

Am Morgen des 23.06. landete unser Flugzeug in Windhoek. Ein Mitarbeiter des Autoverleihs „Value Car“ erwartete uns. Im Citybüro übernahmen wir unser Auto, einen Toyota Hilux, der uns zwei Wochen ein komplikationsloser Begleiter war. Einsteigen. B1 nach Süden. 500km nach Keetmanshoop. Das Abenteuer begann. Nach einer Übernachtung in der „Central Lodge“ in Keetmanshoop, trafen wir am Montag Morgen 8:00 Uhr Dale, den Dental Therapist, in der Zahnstation von Keetmanshoop.

Vor der Abfahrt noch der obligatorische Besuch in der Provinzverwaltung. Ein Director (=Minister) begrüßte uns, bedankte sich im Voraus für unsere Hilfe und wünschte Glück für den Einsatz. Wir verstauten unser Equipment in einem vom Krankenhaus bereitgestellten Transporter und brachen auf, weitere 330 km nach Süden, an den Orange River. Aussenkehr und Noordoewer waren unsere beiden Zielorte. Aletta, eine Nurse aus Keetmanshoop begleitete uns. Sie führte das Outreachbuch, füllte die Gesundheitspässe der Patienten aus und übersetzte in Afrikaans und Nama.

Untergebracht waren wir in der Noroshama River Lodge bei Aussenkehr. Dr Chigova hatte alle Unterkünfte für uns gebucht. Wir brauchten uns um nichts kümmern. Die Lage der Lodge war traumhaft, direkt am Fluss. Die umliegenden roten Berge spiegelten sich im Wasser. Beide Einsatzorte waren gut von der Lodge aus erreichbar. Wir konnten zwei Wochen an einem Ort bleiben.

Dienstag, erster Arbeitstag in Aussenkehr. Primary School. Dr. Chigova untersuchte bereits zwei Wochen vor unserem Eintreffen die Klassenstufen 1,2 und 6. Kinder, bei denen ein Befund festgestellt wurde, erhielten ein Formblatt, das die Eltern unterschreiben mussten, bevor eine Behandlung begonnen werden konnte. Dr. Chigova entwarf dieses Schreiben, um den Eltern bewusst zu machen, dass ihr Kind ein zahnmedizinisches Problem hat. Viele Eltern begleiteten ihre Kinder zur Behandlung. Einige wollten selbst eine Untersuchung ihrer Zähne. Die Bewusstseinswelle wird weiter getragen....



Am Nachmittag untersuchten wir die Klassenstufen 3,4,5,7, 261 Kinder, und behandelten die Befunde am Mittwoch bis spät Abends. Defekte Milchzähne, die schmerzten, haben wir extrahiert. Bleibende Zähne versuchten wir soweit es möglich war mit Füllungen zu sanieren.

Donnerstag und Freitag waren für die „Community“ reserviert. Aussenkehr ist eine 4500km2 große Farm. Sie gehört dem Exil-Jugoslawen Dusan Vasilijevic. Er errichtete in der Wüste eine Weinplantage. Das für die Bewässerung nötige Wasser entnimmt er dem Orange River. In den Strohhütten Aussenkehrs leben ca 10000 Plantagenarbeiter aus ganz Namibia.

Im Ort gibt es eine kleine Clinic mit nur zweiBehandlungsräumen, die ein 23 jähriger Krankenpfleger, Johannes, am Laufen hält. Jeden Abend, auf dem Weg zurück in die Lodge, besuchten wir Johannes. Patienten warteten immer noch in einer langen Reihe vor seiner Clinic. Und Johannes hatte unerschütterliches sonniges Gemüt. An einem Abend war er ganz aufgeregt. Er musste uns etwas zeigen: Wenige Stunden zuvor hatte er einer Mutter geholfen, ihr Kind auf die Welt zu bringen. In einem winzigen Zimmer. Glücklich lag die unbekleidete Mutter im frisch bezogenen Bett. Stolz wickelte er das Kind aus der Decke um es uns zu zeigen. Schwarze Kinder werden mit heller Haut geboren.....



Die Arbeit in Aussenkehr war sehr fordernd. Die Anzahl der Patienten kaum zu überblicken. Neben 70-80 Extraktionen täglich incl. retinierten, querverlagerten Weisheitszähnen, legten wir viele Füllungen, vor allem im Frontzahnbereich. Johannes fragte vorsichtig an, ob wir auch an einem Tag am Wochenende arbeiten könnten. Wir konnten nicht nein sagen. Die Dankbarkeit der Patienten, die Freude über die neuen Frontzähne, die massiven und schmerzhaften Entzündungen, die wir Tag für Tag entfernten, gaben uns Kraft und Energie für Arbeit am Sonntag. Es ist wie ein „Runners High“ beschrieb es Lilith, unsere Marathonläuferin.



In der zweiten Woche zogen wir um nach Noordoewer. Aletta ging zurück nach Keetmanshoop, Elisabeth, eine ZMA mit 29 Berufsjahren und einer unbeschreiblichen Energie und Herzlichkeit, kam. Nach einer Stunde hielt es sie nicht mehr am Schreibtisch, vor dem Papierkram. Sie organisierte einen Mann aus dem Krankenhaus für die Schreibarbeit, sie wollte assistieren. Elisabeth und ich, wir kannten uns von meinem letzten Einsatz im Süden und waren ein eingespieltes Team. Jetzt konnten wir auf drei Stühlen arbeiten. Die ersten beiden Tage waren für die Schule reserviert, der letzte Tag für die Community. Zwischen zwei Patienten nahm sich Elisabeth unsere Handpuppen für Zahnputzdemos in Afrikaans, der Sprache, die jeder im Süden versteht.



Die Not, die vielen Schmerzpatienten, waren kaum zu bewältigen: Am letzten Tag nahmen wir uns vor, erst nach Hause zu gehen, nachdem der letzte Schmerzpatient versorgt war. Wir wollten niemanden mit Schmerzen zurücklassen. Wir behandelten 126 Patienten, 182 Extraktionen und 32 Füllungen an diesem einem Tag.

Ein Problem der letzten Jahre ließ mich nicht los. Ein fehlender Frontzahn zerstört ein Lachen. Es gibt keine Möglichkeit, es auch nur mit einer Interimsversorgung wiederherzustellen. Mein Ziel war der Versuch, diese Zähne endodontisch zu behandeln, die Kanallänge elektrometrisch festzustellen und zu füllen. Von Vorteil war, dass wir mehrere Tage an einem Ort waren. So konnte die Behandlung in mehreren Sitzungen ablaufen und abgeschlossen werden.

Unsere Arbeitstage endeten in der Lodge mit einem Sundowner. Die untergehende Sonne ließ die Berge leuchten und unsere Erinnerungen an den Tag. Vier fremde Menschen aus Deutschland hat Namibia zusammengeschweißt zu einem Team, zu Freunden, zu Seelenverwandten.

Freitag, der Tag des Abschieds vom Orange River und seinen Menschen. Erste Etappe der Heimreise, Keetmanshoop. Abgabe des Equipments. Elisabeth wird in der nächsten Woche die Instrumente einschweißen und nochmals im Krankenhaus-Steri sterilisieren. Sonnenuntergang zwischen den Köcherbäumen im Quivertree Forest. Geparden - Fütterung. Am Abend ein Abschiedsdinner, zu dem wir Dr Chigova, Dale und Elisabeth eingeladen haben. Überreichten elektrische Zahnbürsten als Dank für die perfekte Organisation und Unterstützung während des Einsatzes.

Wie geht es weiter mit DWLF in der Karas Region.

Dale hat einen neuen 4 Jahresvertrag.

Der Vertrag von Dr. Chigova wird nächstes Jahr auslaufen, man hat ihm signalisiert, dass auch sein Vertrag verlängert würde. Die Frau von Dr Chigova hat gerade einen 4 Jahresvertrag unterzeichnet. Sie bildet Krankenschwestern in der Schwesternschule von Keetmanshoop aus.

Samstag, nächste Etappe, Fahrt nach Windhoek. Abends ein weiteres Abschiedsessen, diesmal mit Dr. Ruta, dem Chiefdentist im Gesundheitsministeriums von Namibia und seine Frau.

Wir zeigten ihnen Fotos von unserem Einsatz. Er war begeistert von unserem Engagement. Wie sieht die Zukunft von DWLF in Namibia aus? Er berichtete, dass derzeit 18 Namibier in der Ukraine Zahnmedizin studieren. Sie werden in 5-6 Jahren nach Namibia zurückkehren. Die 6 in Namibia praktizierenden Kubaner beurteilt er sehr differenziert. Einer wäre sehr gut, die übrigen „not so good“. Wie es mit diesem kubanisch- namibischen Gemeinschaftsprojekt weitergehen soll ist unsicher. Namibia unternimmt große Anstrengungen von ausländischer Hilfe unabhängig zu werde. Namibia will das Land selbst versorgen können. Bis die Namibischen Zahnärzte aus der Ukraine zurückkommen, ist unsere Unterstützung willkommen.

Dr. Ruta erinnerte, dass das „Memorandum of Understanding“ im November auslaufen wird und wir uns um eine Verlängerung bemühen müssten. Er wünscht sich eine Broschüre mit Fotos, die er dem Minister vorlegen kann, um die Verlängerung bewilligt zu bekommen.

Dr. Ruta beabsichtigt im September/Oktober nach Deutschland zu kommen. Er würde gerne an unserer Jahrestagung am 04.10.2014 teilnehmen.

Am Ende der Reise eine Taxifahrt in die Innenstadt von Windhoek. Das Reiterdenkmal vor der alten Feste, eines der Wahrzeichen Windhoeks, fehlt. Der Taxifahrer meinte, die Erinnerung an einen der traurigsten Momente der Geschichte Namibias wäre entfernt.

Im Innenhof der Alten Fest finden wir das abgebaute Denkmal. Die dazugehörige Gedenktafel liegt im Grass. Sie erinnert an die im Herrero- und Namakrieg 1903-1907 gefallenen 1750 Deutschen Soldaten und Zivilisten. Unerwähnt bleiben die 65000 bis 85000 Hereros und 10000 Nama, die von Deutschen Soldaten erschossen, gehenkt, erschlagen oder in Konzentrationslagern vernichtet wurden.

Es ist gut, dass das Reiterdenkmal weg ist, denke ich mir.
Es ist gut, dass ihr an einem Hilfsprojekt in Namibia beteiligt seid, meinte der Taxifahrer. Es ist gut, dass wir mit unserem Südprojekt den Namas Hilfe bringen und mit unserem Nordprojekt den Hereros. Meine Gedanken gleiten zurück in das vergangene Jahr, nach Gam. Chief Josef, der mir von seinen Vorfahren erzählte, die von den Deutschen in die wasserlose Omaheke Wüste getrieben wurden. Nur sehr wenigen ist die Flucht in das benachbarte, wasserreiche Botswana geglückt. Nach der Unabhängigkeit Namibias durften die Hereros in ihre Heimat zurückkehren. Ca 4000 leben heute in Gam in erbärmlichen Kunststoffhütten, einem Flüchtlingslager gleich. Egal ob 5 oder 50 Patienten in Gam auf uns warten, wir müssen immer wieder nach Gam fahren. Die beiden Häuptlingen Chief Wambiki und Chief Joseph begrüßen, zeigen, dass wir an diesem Ende der Welt, an dem sich sogar die Schotterstrasse im Nichts verliert, für sie da sind, sie nicht vergessen haben.

„Das einzig wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.“ (Albert Schweitzer)

Mein Dank gilt meinen Mitstreitern, ihrem Mut und ihrer Beharrlichkeit, ihrer Leidenschaft und ihrer Hingabe und Ihrer Liebe, die sie Namibia und seinen Menschen schenkten.

Stefan Rohr

P.S.: Erzbischof Desmond Tutu spricht von den "Rainbow People of God“. Als Kleriker nimmt er mit dieser Metapher Bezug auf das Alte Testament, auf die Geschichte von Noah, der Flut und dem ihr nachfolgenden Regenbogen des Friedens.

In den einheimischen afrikanischen Kulturen wird der Regenbogen mit Hoffnung und einer strahlenden Zukunft assoziiert.

Nelson Mandela hat den Regenbogen in die Politik getragen, um die verschiedenen Ethnien in Frieden zu einen.